Redebeitrag 10.10.2026
(gehalten auf der Demo “Antifa heißt: Gegen jeden Antisemitismus!” in Leipzig)
Wir grüßen euch, liebe Antifaschist*innen. Im Folgenden werde ich von der Situation in Dresden berichten.
Den politischen Alltag im Rechtsruck prägt vor allem die AFD, die bei den Kommunalwahlen in Dresden stärkste Kraft wurde. Auf der Straße sind es insbesondere die Freien Sachsen, die regelmäßig Verschwörungsgläubige und anderweitig besorgte Bürger*innen mobilisieren. Das aktionistische, militante Spektrum organisieren JN und mehr noch der Dritte Weg. Allesamt Antisemit*innen mehr oder weniger unterschiedlicher Couleur.
Im Tal der Ahnungslosen haben wir es traditionell mit rechtem Antisemitismus zu tun gehabt. Dieser ist viel kritisiert und bekämpft worden, insbesondere rund um den spezifischen Dresdner Opfermythos, Dresden sei eine unschuldige Kunst- und Kulturstadt während der NS Zeit gewesen und seine Bombardierung folglich unnötig. Diese Erzählung ignoriert historische Tatsachen von Täterschaft und militärischer Relevanz. Der Geschichtsrevisionismus aus der Mitte der Gesellschaft war seit den 90er Jahren ein Nährboden für sich jährlich wiederholende Neo-Naziaufmärsche rund um den Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten. Dieser wird von der extremen Rechten als „Bombenholocaust“ betitelt -eine Relativierung der Shoah, sowie eine Täter Opfer Umkehr. Eine antisemitische Brücke in die Gegenwart schlägt z.B. das Transparent der NPD Kronach mit der Aufschrift „Gestern Dresden Heute Gaza – Völkermörder zur Rechenrechenschaft ziehen!“, das seit 2008 unregelmäßig auf jenen Demonstrationen auftaucht.
Und dann kam der 7. Oktober.
Bis dahin war die Radikale Linke in Dresden weitestgehend verschont geblieben von autoritären Roten Gruppen. Doch nun konnten sich diese auch hier etablieren. Auch der Output anderer Dresdner Strukturen, die etliche Jahre bekannt und vertraut wirkten, erfuhr eine zunehmende antisemitische Eskalation in den vergangenen 3 Jahren.
Die AG Palästina Solidarität der Linkspartei Dresden gründete sich 2025 und fällt im Stadtbild seither vor allem durch Sticker auf, die Israel beenden wollen. Doch war es Tino Chupalla von der AFD, der noch vor der Linkspartei ein Ende der Waffenlieferungen an Israel forderte, selbstredend nicht aus Liebe zum Pazifismus.
K-Gruppen wie der Rote Aufbruch und die KO -Kommunistische Organisation allerdings, erfuhren einen erheblichen Aufwind. So beteiligte sich die Dresdner KO an der Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ und plante hierzu eine Informationsveranstaltung im traditionell eher linken Dresdner Stadtteil Hechtviertel. Durch eine spontane aber breite Mobilisierung der linken Szene konnte diese glücklicherweise blockiert und verhindert werden.
Der bewegungsaffinere Rote Aufbruch hat mit seinen niedrigschwelligen Angeboten im Vergleich zur theorielastigen KO merklich Zulauf. Diese Woche, genauer am 8. Oktober war der Rote Aufbruch mit einem Infostand beim Dahabflex-Konzert im Dresdner Club Puschkin präsent.
Eine von der Gruppe e*vibes organisierte Demonstration zum feministischen Kampftag 2026 hatte die Ablehnung von Antisemitismus prominent platziert. Offenbar missverstand dies der Rote Aufbruch als Einladung, den postulierten Demokonsens durch ihre deutlich erkennbare Anwesenheit in Frage zu stellen. Ihr mitgebrachtes Transparent behauptete, jeder Widerstand gegen Patriarchat und Imperialismus sei legitim, wobei die Symbolik unmissverständlich verdeutlichte, dass dies auf den Nahostkonflikt zu beziehen sei. Eine Legitimation sexueller Gewalt, wie Geschehen am 7. Oktober und in den folgenden Monaten und Jahren der Geiselhaft – auf einer feministischen Demonstration! Wir betrachten dieses Ereignis vor dem Hintergrund etlicher Berichte aus der gesamten Republik, wie auch aus Leipzig, von Übernahmeversuchen, massiven Störungen und verbalen Angriffen auf feministische Demonstrationen von Seiten sich als Palästina- solidarisch verstehenden Gruppierungen am diesjährigen 8. März. In Dresden ging die Sache noch glimpflich aus, der Aufbruch erhielt zunächst kritische Begleitung und musste sein Transparent schließlich einpacken, woraufhin etliche Personen die dem Aufbruch und Umfeld zuzurechnen sind, endlich die Demonstration der e*vibes verließen.
Wie schon die Geschehnisse um die abgebrochene Demonstration zum Polizeigesetz in Leipzig zeigen, geht von der Taktik des Aufbruchs eine ernstzunehmende Gefahr für antiautoritäre linke Organisation aus.
In der Gruppierung Free Palestine Dresden vereinen sich die KO mit Personen aus dem anarchistischen Spektrum. Zusammen werden Vorträge organisiert und Verbindungen der TU Dresden nach Israel recherchiert -und auf der Straße läuft auch mal der Rote Aufbruch mit. Auch dafür, eine Kundgebung am diesjährigen 7. Oktober abzuhalten war man sich nicht zu schade.
Im IZ, Internationalistisches Zentrum fand die Gruppe zwischenzeitlich Räumlichkeiten. Nach dem das IZ in diesem Jahr schließen musste, hat nun in Dresden Pieschen ein AIZ eröffnet, in dessen Räumen nun Veranstaltungen stattfinden, die u.a. von Free Palestine beworben werden. Wir müssen befürchten, dass sich dort ein Ort für die antiimperialistische Szene Dresdens etabliert.
Das AND – Anarchistisches Netzwerk Dresden, bekannt für seine pro- ukrainische Haltung, positioniert sich auch klar zum Konflikt um das La Casa in Berlin-Hellersdorf – auf der Seite der Antisemit*innen. Im August wurde der Gruppe New Casa im anarchistischen Hörfunk ein Podium geboten, die Moderation verzichtete auf kritische Nachfragen und begleitete die Äußerungen aus Berlin zustimmend. Einzug in ein Hausprojekt trotz Veto, antisemitische Graffiti, entgrenzte Gewaltbereitschaft bei der Eskalation im Juli -all das interessierte die Moderation nicht. Stattdessen schlug sie den Bogen nach Dresden, Berliner Verhältnisse offenbar als vorbildhaft sehend. Solidarische Grüße gehen raus an Reclaim La Casa!
Eine besonders herausstechende Veranstaltung der vom AND organisierten A-Tage wurde unter dem Titel „Beyond Outrage“ im anarchistischen Café Malobeo in der Dresdner Neustadt abgehalten. Dort wurde die Frage nach dem Erfolg der Free Palestine Bewegung nicht in materiellen Errungenschaften beantwortet, sondern mit der kollektiven Empörung. Diese solle nun auf eine strategisch organisierte Ebene gehoben werden. Jede Person, der die explodierenden Fallzahlen antisemitischer Vorfälle seit 2023 nicht entgangen sind, weiß wie das, was dort nach Revolutionsromantik klingt, in der Realität die Verbreitung antisemitischer Inhalte sowie verbale, körperliche und tödliche Angriffe auf Israelis und Jüdinnen_Juden bedeutet.
Wichtig zu betonen ist uns allerdings auch, dass nur ein Teil der Anarchistischen Szene derart auffällt. Der größte Teil äußert sich bislang dazu schlicht nicht öffentlich.
Uns ist bewusst, dass antisemitische Einstellungen bei Linken andernorts mittlerweile deutlich rabiater auftreten. Wir sehen die Gefahr, dass solch eine Entwicklung auch in Dresden passiert. Es ist uns daher ein drängendes Anliegen, eine weitere qualitative und quantitative Eskalation zu verhindern. Der 7. Oktober hat das Thema Nahostkonflikt in der Linken neu entfacht, andere relevante linke Themen werden damit faktisch zu Nebenwidersprüchen. Über den als Antizionismus verklärten Antisemitismus finden Linke zu Denkfiguren, die dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Als linken Ideen zuwiderlaufend sei hier das Victimblaming genannt, über dieses Menschen qua ihrer Herkunft zu Schuldigen an ihrer eigenen Vergewaltigung, Verschleppung und Ermordung werden. Auch die Verharmlosung und Relativierung der Shoah sei hier aufgeführt. Bis hin zum Ruf nach einem Schlussstrich unter die Erinnerung an diese.
Das kennen wir bereits von Rechts. Die AFD poltert schon seit Jahren für eine sogenannte Erinnerungspolitische Wende. Nun hat in Heidenau die CDU per Stadtratsbeschluss gemeinsam mit AFD und der Bürgerinitiative Oberelbe die Initiative des Pirnaer Vereins Akubiz, weitere Stolpersteine zu verlegen, verhindert. Ziel ist es hier, die Erinnerung an die Shoah aus dem Alltag zu entfernen, an abgelegene Orte zu verdrängen und die Singularität der Shoah zu verwischen.
Natürlich haben wir als Linke ein Problem mit antisemitischen Linken. Ihr Aktivismus hat ganz konkrete gewaltvolle Konsequenzen. Jüdinnen_Juden sind abermals konfrontiert mit Ausgrenzung und Unsicherheit in nahezu allen Bereichen ihres alltäglichen Lebens. Beinahe täglich gibt es neue Meldungen über Anfeindungen; regelmäßig erfahren wir von körperlichen Angriffen und terroristischen Attentaten.
Während eine linke Bewegung sich damit begnügt, mit Islamisten zu paktieren um den einzigen jüdischen Staat zu bekämpfen, realisiert die politische Rechte fortlaufend ihr Projekt, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzugestalten.
Wir sind solidarisch mit den Betroffenen von Antisemitismus, mit den Opfern des 7. Oktobers und ihren Angehörigen. Mit allen stabilen Antifaschist*innen. Gegen jeden Antisemitismus!