antifaschistischeintervention

In der Nacht zum Ostersonntag 1991 stießen Nazis Jorge Gomondai am Albertplatz aus der Straßenbahn – wenige Tage später am 06. April erlag er seinen schweren Verletzungen. Das war der erste rassistisch motivierte Mord in Sachsen nach der Wende.

Jedes Jahr am Todestag von Jorge Gomondai erinnert der Initiativkreis Gedenken. Erinnern. Mahnen an diesen Mord, die Kundgebung am Jorge-Gomondai-Platz findet in einem würdigen Rahmen und unter breiter Beteiligung etablierter Institutionen wie dem Ausländerrat, dem RAA Sachsen und Afropa statt. Die Redebeiträge lassen nichts an politischer Klarheit missen: So kritisierte Dr. Hussein Jinah vom Initiativkreis beim diesjährigen Gedenken die mangelnde politische Aufarbeitung der „Baseballschlägerjahre“. Zudem werde der aktuelle Vormarsch von Rechtsextremen unterschätzt und struktureller Rassismus zu selten thematisiert.

Instrumentalisierung eines rassistischen Mordes: SDS und Co. ohne Scham

Neu war dieses Jahr, dass mehrere Gruppen wie der SDS, die SDAJ, Free Palestine Dresden und Rumman zu einer Alternativ-Demo aufgerufen hatten. Das Motto dieser Versammlung: „Solidarität von Dresden bis Gaza!“ Bei der Demo bestätigte sich dann, dass diese vermeintliche Gaza-Solidarität für die beteiligten Gruppen im Vordergrund stand.

Wir wissen nicht, was Jorge Gomondai zum Nahostkonflikt gedacht und ob ihn dieses Thema überhaupt interessiert hat. Es ist schamlos, das Gedenken an diese rassistisch motivierte Gewalttat für eine antizionistische Demo zu missbrauchen. Leider reihen sich die organisierenden Gruppen wie der SDS und die stalinistischen Kommunistische Organisation, die Free Palestine Dresden maßgeblich prägt, in einen bundesweiten Trend ein. So haben linksautoritäre Gruppierungen vielerorts die jährlichen Versammlungen zum Hanau-Gedenken gekapert und zu antisemitischen Aufmärschen umfunktioniert – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Hinterbliebenen.

Rassismus in der DDR nicht ausblenden!

Im Aufruftext zu dieser Alternativ-Demo meiden SDS und Co., die DDR-Vergangenheit zu erwähnen. Das ist kein Zufall: Unter den Aufrufenden finden sich Gruppen, welche die DDR systematisch verherrlichen.

Dabei ist der Blick in die DDR-Geschichte unverzichtbar, um die Ereignisse nach der Wende zu verstehen. 1989 war keine Zäsur: Davor und danach existierte ein rassistischer Normalzustand.

Vertragsarbeiter*innen wie Jorge Gomondai, der aus Mosambik stammte, litten in der DDR unter Alltagsrassismus, staatlich gewünschter Isolation und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Die DDR betrog die Arbeiter*innen zudem um einen Teil ihres Lohns, bis heute kämpfen die Betroffenen um Entschädigung. Auch rassistisch motivierte Gewalt gab es zu DDR-Zeiten, das prominenteste Beispiel sind die Ausschreitungen in Erfurt 1975. Jede DDR-Verherrlichung verbietet sich deshalb.

Nie wieder Deutschland! Nie wieder DDR!

Antifaschistische Intervention, April 2026

Mehr über Jorge Gomondai und den rassistischen Normalzustand vor und nach 1989 erfahrt ihr hier: https://gegenuns.de/jorge-gomondai/

2010 versammelten sich vor dem Bahnhof Neustadt Tausende zum damals grössten Naziaufmarsch Europas seit 1945. Ringsherum blockierten mehr als 10.000 Antifaschist*innen die Strassen.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Warum reisten damals sowie heute Nazis aus dem gesamten Bundesgebiet an? Auch in Städten wie Hamburg oder Leipzig kam es zu Bombardierungen und Zerstörungen – aber nur in Dresden entwickelte sich so ein besonderer Opfermythos.

Blicken wir zurück: 1998 beteiligten sich Nazis erstmals in organisierter Form am bürgerlichen, damals sehr populären Kerzen- und Blumenabwurf an der Ruine der Dresdner Frauenkirche – ein Jahr später folgte der erste Naziaufmarsch, in den Folgejahren stieg die Mobilisierung rasant an.

Das “Antifa Recherche Team Dresden” stellte in ihrem Text „Dresden Ruft“ aus dem Buch “Gedenken abschaffen” fest: “Für deutsche Nazis steht Dresden spektrenübergreifend für zweierlei: die Opferidentität der Deutschen und die Kriegsverbrechen der Alliierten.”

Die Rahmenbedingungen hierfür erwiesen sich als ideal. Die Haltung, Dresden sei unschuldiges Opfer, war in der Dresdner Stadtgesellschaft fest verankert – und ist auch heute noch weit verbreitet. Den Anfang machte bereits die NS-Propaganda. Die SED beförderte zu DDR-Zeiten die Erzählung von der ungerechtfertigen Militäroperation, um den Bombenangriff auf Dresden in ihr antiimperialistisches Weltbild zu pressen: Dresden als Opfer westlich-imperialistischer Staaten. Angefacht wurde dies durch ein konservativ-reaktionäres Bürgertum, das Dresden zur blossen Kulturstadt umdeutete und bewusst Geschichtsrevisionismus betrieb. Ermöglicht durch eine Zivilgesellschaft, welche dieses Problem lange ignorierte – und nicht begreifen wollte und teils bis heute nicht begreift, dass nur eine radikale Kritik am Dresdner Opfermythos den Nazis den Nährboden entzieht.

In einem weiteren Artikel des Buches “Gedenken Abschaffen” analysierte die Gruppe LeA (Leipziger Antifa):

“In Dresden wird besonders deutlich, dass Nazis und ihre Politik nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gesellschaftlichen Kontext stattfinden, an dessen Diskurse sie anknüpfen. Wer dagegen allein die Nazis im Blick hat, beschäftigt sich bloß mit einer Erscheinungsform revisionistischer Politik, nicht aber mit den Ursachen des Problems.”

Deswegen stellen wir uns heute nicht nur den Nazis entgegen. Wir wenden uns entschieden gegen all jene, die den Dresdner Opfermythos in Menschenketten, öffentlichem Gedenken und anderswo weiterhin pflegen.


Wenn Nazis so wie heute aufmarschieren, stehen ihnen sehr unterschiedliche Linke unversöhnlich gegenüber. Linke streben allgemein nach einer lebenswerteren Welt für alle Menschen und wollen die Überwindung jener Verhältnisse, die Menschen unterdrücken, benachteiligen und diskriminieren. Die extreme Rechte jedoch hat keineswegs die Gleichstellung aller Menschen im Sinn, ganz im Gegenteil. Dieser fundamentale Unterschied kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich antisemitische Welterklärungsmodelle in allen Teilen der Gesellschaft finden lassen. Unübersehbar deutlich wurde dies im explosionsartigen Anstieg antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober.

Seit 2008 tragen Neonazis immer mal wieder ein Banner auf ihrem Marsch, auf dem die Bombardierungen Dresdens mit dem Krieg in Gaza gleich gesetzt werden. Spätestens zu der Zeit entdeckten auch die hippen Neonazis der 2000er Jahre die Kufiya für sich. Hier wollen wir auch daran erinnern, dass der Begriff „Zio“* von Neonazis geprägt wurde. Ein Begriff, der alle verunglimpft, welche die Existenz des einzigen jüdischen Staates auf der Welt nicht in Frage stellen wollen.

Wenn aber an Häuserwänden in der Neustadt Graffitis wie “Zios gleich Nazis” auftauchen und auch die Plakate für die heutigen Wiedersetzen-Demos mit antisemitischen Parolen verunstaltet werden – dann sind das nicht jene auf der anderen Seite. Dann sind es Menschen aus unseren linken Milieus. Seit einigen Wochen hängen hier in der Neustadt viele schwarze Plakate, die anlässlich des Holocaust-Gedenktags an die NS-Entrechtungspolitik gegenüber Jüdinnen_Juden erinnern.

Hier in der linksalternativen Neustadt wurden diese Plakate grossflächig mit antisemitischen Parolen und Symbolen beschmiert. “Tod Israel”, “Kill all Zionists”, rote Dreiecke – das alles auf Plakaten zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Zusätzlich haben die Täter*innen auf vielen Plakaten gezielt das “jeden” bei Gegen jeden Antisemitismus durchgestrichen. Damit haben sie bestätigt, dass Antisemitismus viele Erscheinungsformen hat und jeder einzelnen entgegenzutreten ist.

Wenn wir sagen, wir finden Antisemitismus bei Linken wie bei Rechten dann hat das nichts mit dem Hufeisen der Extremismustheorie zu tun. Antisemitismus finden sich in allen sozialen Gruppen. Bei Linken motiviert sich dieser oberflächlich betrachtet anders als bei Rechten. Trotzdem ist er jeweils in ähnlicher Erscheinung vertreten: Verschwörungsglaube und Suche nach Sündenböcken die sich als Kapitalismuskritik tarnt. Denken wir nur z.B. an die Dimitroff-These, die eine verschlagene Elite als Strippenzieher für den Faschismus identifizieren will. Unsere Antwort darauf ist klar: Wir werden das nicht hinnehmen. Wir stellen uns konsequent gegen jeden Antisemitismus!


Krisen, Rechtsruck, die vermeintliche moralische Legitimierung von Antisemitismus als Folge des 7. Oktobers, Sehnsucht nach autoritären Lösungen aller Orten: Wir leben in herausfordernden Zeiten.

Eine starke antifaschistische Bewegung und emanzipatorische Linke ist wichtiger denn je. Heute zeigen wir uns unversöhnlich mit Nazis und herumopfernder Stadtgesellschaft – Doch das wird nicht reichen.

Den Rechtsruck und die autoritäre Sehnsucht, die sich auch im Erstarken von neostalinistischen K-Gruppen zeigt, werden wir damit nicht stoppen können.

Was wir brauchen, ist eine antifaschistische und emanzipatorische Bewegung, die einem schlichten Welterklärungsmodell wie Antisemitismus genauso konsequent widerspricht wie Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit.

Wir brauchen eine antifaschistische und linke Bewegung, die weiss, dass es nicht leicht ist. Hier in Sachsen ist das offensichtlich. Dieses Wissen hat auch die Proteste gegen das Gedenken und die Nazi-Aufmärsche zum 13. Februar geprägt – mit all den zähen Kämpfen, die das Bündnis Dresden Nazifrei und die radikale Linke ausfechten mussten. Dieses Wissen hat die Dresdner genauso wie die Leipziger Antifa-Szene insgesamt geprägt. Doch das Bewusstsein darum schwindet. Plötzlich erklären selbsternannte Revolutionäre weite Teile der Connewitzer Antifa-Strukturen, das Linxxnet und die Landtagsabgeordnete Jule Nagel zum Feindbild Nr. 1 – nach dem Motto: Sind linke Strukturen dort erstmal zerstört und übernommen, schart sich das Volk hinter den roten Fahnen.

Dies offenbart die Realitätsferne jener autoritären Akteur*innen. Auf solch einer Basis ist der Kampf gegen den Rechtsruck bereits verloren. Die wenigen linken Orte in Sachsen anzugreifen, nimmt die Schwächung der antifaschistischen Bewegung in Kauf. Wer sich mit Autoritären einlässt wird nie in einer befreiten Gesellschaft ankommen.

Für eine Antifaschistische Bewegung – unversöhnlich gegen die autoritäre Formierung, Geschichtsrevisionismus und jeden Antisemitismus! Wir wünschen allen stabilen Antifaschist*innen einen ermutigenden, kämpferischen und erfolgreichen Tag!